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Richtig Anweiden - In diesem Jahr ohne Verdauungsprobleme

Das Frühjahr naht und viele Pferdebesitzer stellen sich wieder häufigen Problemen des Anweidens, wie Kotwasser, Durchfall oder Blähungen. Wodurch aber entstehen diese Symptome und wie kann man sie lindern oder gar verhindern?

 

Das Pferd ist ein Steppentier und ein Dickdarmverdauer. Sein Organismus ist auf die Verdauung von energiearmer Rohfaser (viel Stengel, wenig Blatt) ausgelegt. Diese Rohfaser wird durch das im Dickdarm befindliche Mikrobiom („Darmflora“) zersetzt und die Nährstoffe aufgenommen. Jede Futterumstellung führt dazu, dass sich die Zusammensetzung der „Darmflora“ etwas ändert. Das ist sowohl bei Heu verschiedener Chargen der Fall, als auch beim Weidewechsel und bei der Umstellung von Heu im Winter auf Weidegras. Diese Umstellung benötigt Zeit, sodass neue Futtermittel über mindestens 2 Wochen langsam eingeschlichen werden sollten. Erfolgt die Futterumstellung zu schnell, kann es zu schweren Stoffwechsel- und Verdauungsstörungen kommen.

 

Beim Anweiden bzw. im Frühjahr finden die Pferde junges Gras vor, welches u.a. zucker- und pektinhaltig ist und nur über einen geringen Rohfaseranteil (viel Blatt, wenig Stengel) verfügt. Zudem wurden die meisten Weiden ursprünglich einmal für die Rindermast/ Rinderhaltung angelegt. Man findet auf ihnen überwiegend stressresistente und blattreiche Hochzuckergräser, z.B. das Deutsche Weidelgras. Diese Hochzuckergräser sind für Pferde allerdings nur bedingt geeignet.

Insbesondere im Frühjahr und im Herbst, wenn die Nächte kalt und die Tage sonnig sind, enthält das junge Gras viel Fruktan. Fruktan ist ein Kohlenhydrat, das der Pflanze als Energiezwischenspeicher im Wachstum dient. Der Fruktangehalt in der Pflanze verändert sich über den Tag und sinkt bis zum Nachmittag ab, bevor er dann mit dem Eintreten der Abendkälte wieder ansteigt. Bei stoffwechselkranken Pferden kann Fruktan zu schwerwiegenden Problemen, wie z.B. einer Hufrehe führen. Das Risiko hierfür steigt stark an, wenn über Winter silierte Futtermittel wie Heulage oder pektinhaltige Futtermittel (z.B. pektinreiches Heu, viele Möhren, Äpfel, Rüben) gefüttert werden. Durch Heulage übersäuert u.a. der Dickdarm. Milchsäurebakterien breiten sich im Verdauungstrakt aus und verdrängen die natürliche „Darmflora“ des Pferdes. Nimmt das Pferd nun Fruktan auf (die kritische Menge ist je nach Gesundheitsstatus individuell unterschiedlich), gelangt dieses in den Dickdarm und ernährt die Milchsäurebakterien. Dadurch kommt es zu einer starken Vermehrung und einem starken Absinken des Dickdarm-pH-Werts. Die natürlichen cellulose-abbauenden Darmbakterien des Pferdes sterben ab, so genannte Endo-Toxine werden frei und es kann zu einer Hufrehe kommen. Auch die pektinabbauenden Protozoen sind Säurebildner und werden von Zucker ernährt. Der Ablauf einer Pektinhufrehe ist daher ähnlich.

Bei gesunden Pferden ist die Aufnahme von Fruktan in der Regel nicht so problematisch, jedoch ist auch bei diesen ein langsames Anweiden wichtig, da sich auch eine gesunde „Darmflora“ auf das junge Gras umstellen muss.

Fixer Termin oder individuell?

Statt fixe Termine zu setzen, gestaltet sich das Anweiden mit einem sehr langsamen Start im Februar/ März im Einklang mit der Natur optimal. Sobald die ersten jungen Halme aus dem Boden sprießen, kann man gesunde Pferde schon einmal etwas knabbern lassen. Diese „Knabberzeit“ kann dann über die nächsten Wochen und Monate individuell langsam gesteigert werden. Durch diese minimalen Mengen an frischem Gras, kann sich der Organismus optimal darauf einstellen. Setzt man jedoch fixe Termine (häufig wird ab Anfang/ Mitte Mai angeweidet), existiert bereits viel junges Gras auf der Weide. Die Pferde nutzen dann jede Sekunde des Anweidens, um so viel Gras in sich hineinzuschlingen, wie nur möglich. Als Folge reagieren viele Pferde mit Verdauungsproblemen und auch der Stoffwechsel wird stark belastet.

 

Hat man keine andere Möglichkeit, als so einen fixen Termin zu nutzen, sollte man den ersten „Graskontakt“ kontrolliert auf wenige Minuten begrenzen und sich dann auch in den nächsten Tagen und Wochen nur sehr behutsam steigern.

Natürliche Unterstützung der Futterumstellung

Natürlich gibt es auch gute Möglichkeiten die Pferde bei der Futterumstellung zu unterstützen. So sollte vor dem Weidegang (und parallel natürlich auch) weiterhin gutes rohfaserreiches Heu gefüttert werden, damit die Pferde ausreichend Cellulose aufnehmen. Auch Stroh wird von Pferden während des Anweidens gern angenommen. Es hat einen hohen Anteil an Lignin (Holzfaser), mit dem die, durch das Pektin beschleunigte Darmperistaltik (rhythmische Bewegung des Darms), reguliert werden kann.  

 

Eine sehr gute Unterstützung leisten auch Kräuter. Insbesondere Kräuter mit Bitter- und Gerbstoffen regen die Verdauung an und können das Darmmilieu stabilisieren. Auch stoffwechselfördernde Kräuter sind eine gute Möglichkeit dem Pferd das Anweiden zu erleichtern.

Weidehaltung für alle Pferde?

Grundsätzlich ist Weidehaltung für die Psyche der Pferde ein sehr positiver Faktor. Bei Pferden, die unter Stoffwechselkrankheiten leiden, muss man allerdings die Vor- und Nachteile abwägen. Häufig sind diese Pferde besser auf einem Paddock(-trail) mit Heu-Fütterung aufgehoben, als auf einer Wiese mit Hochzuckergräsern. Soll das Pferd dennoch unbedingt auf die Weide, weil es z.B. aus organisatorischen Gründen nicht anders möglich ist, kann man Fressbremsen verwenden und den Weidegang stundenweise ermöglichen. Es muss in diesen Fällen aber unbedingt beobachtet werden, ob und wie sich der Gesundheitszustand des Pferdes verändert.

Pferdefütterung ist individuell!

Auch das Thema "Anweiden" kann nicht pauschalisiert und für alle Pferde gleich gehandhabt werden. Jedes Pferd ist individuell und hat unterschiedliche Bedürfnisse. So sollte auch die Fütterung und das Anweiden individuell gestaltet werden.

 

Bei Fragen oder individuellen Unterstützungswünschen stehe ich jederzeit gern zur Verfügung!